Gerhard Schöne hat dieses Kinderlied gedichtet. Und mich damit ausgesprochen begeistert! Nicht nur wegen des phonetisch so schönen „Raxli Faxli“, sondern vor allem weil es mir so herrlich vor Augen führt, wie Sprache doch täuschen kann. Genau damit beschäftige ich mich momentan – mit der Täuschung der Menschen durch Sprache. Wenn man’s mal böse ausdrücken will.
Mittlerweile bin ich Studentin eines exotischen Studienfaches namens Hörfunk und tobe mich im selbigen auch hörfunktechnisch aus. Meine Erkenntnis der letzten Wochen ist die folgende: Das Radio mag ja den Anspruch haben, seinem Publikum mit einfachen Worten die Welt zu erklären, aber bitte – dieser Illusion sollte sich niemand hingeben.
Was mich zu solch einer Aussage treibt? Ganz einfach: Der Fokus liegt auf „erklären“. Nicht auf „Welt“! Ich kann einen Radiobeitrag über die Assifikation der Poligamente bei senkrechter Mondeinstrahlung, sprich das Liebesleben der Pflastersteine bei Vollmond produzieren – und habe damit keinen Blumentopf gewonnen. Aber man fühlt sich informiert! Also nicht ich, denn ich weiß ja, welches Maß von Relevanz sich hinter der Pappwand von Begrifflichkeiten und gesellschaftsfähigen Themen verbirgt. Aber mein Zuhörer fühlt sich im besten Fall informiert. Genauso wie ich mich als Zuhörerin informiert fühle, wenn ich vor dem Radio sitze.
Das funktioniert über Sprache. Sprache macht Themen relevant. Etwas auszusprechen, anzusprechen, verleiht einer Sache erst ihre Wichtigkeit. Nur was ich wahrnehme – und dann selbstverständlich weitergebe – wird also wichtig?! Was ist denn dann mit den Dingen, über die niemand redet? Was ist mit den Verbrechen, Entdeckungen, Katastrophen, Erfolgen, Skandalen und Wundern, die von uns, den westlichen Medienmachern, dem investigativen Journalismus, den Nachrichtenagenturen und Medienkonzernen nicht wahrgenommen werden, nicht ausgesprochen, aufgezeichnet und gesendet werden? Reden wir uns unsere Informationsvielfalt nicht nur ein?
Noch dazu, wo Sprache doch so tückisch ist. Siehe oben. Und siehe ganz oben, aber dazu später. Informationsvielfalt hin oder her – es mag ja sein, dass die Welt einfach zu groß ist, um sie in ein durchschnittliches Fernseh- oder Radiogerät der sogenannten Mediengesellschaft zu pressen. Aber letztendlich ist die Frage, wie wir berichten. Ob im Zusammenhang mit der Schweinegrippe die Worte Seuche und Pandemie im selben Atemzug mit Horrorgeschichten von Tausenden Toten genannt werden – oder ob die Zahlen der „normalen“ Grippetoten des Vorjahres daneben gestellt werden. Ob die Vergehen und Ausraster von Stars und Sternchen mit den teuren Aufreger-Bildern eines Paparazzo auf Seite 1 kommen – oder das Gesicht eines asiatischen Mannes, der mit aller seiner Kraft in seinem kleinen Dorf für Menschenrechte und Meinungsfreiheit kämpft. Der Ton macht die Musik. Oder die Sprache die Wichtigkeit einer Information. Handle ich ein Thema als Meldung ab – die nach wenigen Minuten, manchmal auch nur Sekunden wieder vergessen ist – oder erzähle ich die Geschichte dazu und lasse mein Publikum das miterleben, was in einer ihm so fremden Wirklichkeit geschehen ist.
Und damit wären wir wieder bei Raxli Faxli und Co. Lasse ich mich mit dem abspeisen, was mir die Medien präsentieren? Wo ich doch gerade merke, dass es nur ein winzig kleiner Ausschnitt aus der „Welt“ ist. Entwickle ich selbst ein Raxli Faxli-Prinzip, um in der kurzlebigen, formatgepressten Medienwelt zu überleben? Oder versuche ich stattdessen eine Sprache zu finden, der es gelingt, das Unaussprechliche nicht nur wahrzunehmen, sondern auch auszusprechen?


Um den APS-Kongress in unserer kleinen mittelhessischen Stadt hat sich ein Wust von Aktionen, Fragen, Beschuldigungen und Ängsten aufgehäuft. Das Ergebnis sind beschmierte Häuserwände, ein gekreuzigtes Schwein, verbohrte Sturheit – und jede Menge Angst und Unverständnis. Außerdem haben wir: Eine Kongressleitung, die von den Ereignissen überrollt wurde. Eine aggressive Szene um den Lesben- und Schwulenverband, den AStA Marburg und einige frustrierte Leute. Eine Initiative für Meinungsfreiheit, die als Unterstützung gedacht war, aber den Konflikt letztlich nur noch mehr angeheizt hat. Irritierte Marburger Bürger und eine Stadtpolitik, die wohl oder übel auf den fahrenden Zug aufspringen musste. Überforderte Gemeinden und Christen, die sich in ihrem persönlichen Glauben gekränkt fühlen – weil sie in eine Ecke namens „Homo-Heiler“ gedrängt wurden. Ohne dazu jemals gefragt worden zu sein. Geschweige denn, vor den Ereignissen in Marburg schon einmal darüber nachgedacht zu haben.