Es gibt so einiges auf dieser Welt, was wir nicht verstehen. Verstehen im Sinn von rational erfassen, begreifen, durchschauen. Warum die Sonne jeden Morgen auf und jeden Abend untergeht zum Beispiel. Was Liebe ist. Was das für eine Sehnsucht in uns ist.
Natürlich geht die Sonne jeden Morgen auf und jeden Abend unter, weil die Erde sich um die Sonne dreht. Natürlich! Ja, aber das ist nur das WIE. Nicht das WARUM! Natürlich gibt es Liebe. Jeder redet darüber. Jeder kennt sie – oder glaubt zumindest, sie zu kennen. Aber WAS ist Liebe? Gefühl, Entscheidung, ein Pfeil aus Amors Köcher? Und unsere Unzufriedenheit mit dem Jetzt, woher kommt sie? Was treibt uns dazu, immer höher, weiter, schneller, besser, schöner, perfekter werden zu wollen?
Es wurmt uns, dass wir nicht verstehen können! Deshalb versuchen wir zu erklären. Erklären im Sinn von beschreiben, erläutern und definieren.
Diese Erklärungen beginnen wir mit WEIL und wir bilden uns ein, damit die Ursache zu beschreiben. Die Sonne geht jeden Morgen auf, weil unser Sonnensystem physikalischen Gesetzen gehorcht. Diese Gesetze haben wir beschrieben, untersucht und können sie anwenden. Aber was ist die Ursache dahinter? Wann hat das WEIL angefangen? Wer hat das WEIL beginnen lassen?
Unsere Definitionen suchen Worte für Dinge wie Liebe. Wir nennen sie abstrakt. Wie lächerlich, etwas als abstrakt zu bezeichnen, was die Grundfesten dieser Welt bildet. Also versuchen wir, Vergleiche zu finden. Liebe ist wie… Und dann kommen psychologische, biologische, soziologische, in jedem Fall oberflächlich logische Erläuterungen.
Was wir nicht beschreiben oder definieren können, verschweigen wir. Wir verstecken uns hinter Rationalität und dem, was getan werden MUSS, weil diese Sehnsucht in uns droht, unsere Welt zu sprengen. Wir haben Angst!
Aus Angst stecken wir Dinge in Käfige. Unsere Fragen nach dem WARUM des Sonnenauf- und -untergangs kommen in wissenschaftliche Käfige. Und ich muss zugeben, dass diese Käfige gut funktionieren. Zumindest bis zu diesem sagenhaften Augenblick, wo sich der Nebel vom Gletscher hebt und die Berggipfel ringsum in ihrer ganzen Pracht zu sehen sind. Dann aber ist es schwer, die Frage nach dem WARUM weiter zu ignorieren. WARUM gibt es solch eine Schönheit?
Unsere Frage nach dem WAS der Liebe haben wir in ein Wort gesteckt. Worte sind Käfige, an denen immer wieder gerüttelt wird. Dadurch verändern sie ihre Bedeutung, werden weiter oder enger oder ändern ihren Geschmack. Traurigerweise lassen sich diese Käfige missbrauchen. Sie werden vergoldet, verziert, modernisiert und an eine Idee gekettet. Eine Idee von Genuss. Eine Idee von Befriedigung. Eine Idee von Schönheit, Schlankheit, Geld, Erfolg. Und dabei geschieht etwas Furchtbares: Was wir in diesem Käfig eingesperrt haben, stirbt langsam. Je stärker die Ideen werden, an die der Käfig gekettet ist, je mehr wir ihn verzieren, desto schwächer wird das, wonach wir uns eigentlich sehnen. Und dann gibt es kein Zurück mehr vor der Frage nach dem, WAS Liebe ist.
Unser Streben nach Definitionen, nach Berechenbarkeit und Ordnung baut Käfige. Käfige, die den Tod bringen für das, was wir eingesperrt haben. Und das ist unser Tod: Wir verlernen, die Schönheit der Sonne zu sehen, die jeden Morgen, wirklich jeden Morgen für uns aufgeht, um abends wieder hinter dem Horizont zu verschwinden. Wir verlernen in der Liebe zu leben und streben nur noch nach den Ideen, die wir an die Liebe gekettet haben.
Retten kann uns wahrscheinlich nur das, wovor wir am meisten Angst haben. Retten könnte uns, der Sehnsucht nachzugehen, die wir so hartnäckig zu verschweigen versuchen. Sie ist es, die sich zwischen den Gitterstäben der von uns gebauten Käfige hindurch stiehlt. Sie ist es, die mit großen Kinderaugen und vor Staunen sprachlos auf die Schönheit dieser Welt blickt. Und in ihr beginnt ein dankbares Ahnen des WARUM. Sie ist es, die uns dazu treibt, immer wieder daran zu glauben, dass die Liebe existiert, auf die wir hoffen.
Und vielleicht, vielleicht wird diese Sehnsucht eines Tages stark genug sein, um unsere Käfige zu zerbrechen. Bis dahin ist es Gottes geduldige Güte, die zulässt, dass wir mit unseren Käfigen leben, die selbst das Sterben seiner Schöpfung zulässt, bis wir wirklich verstehen wollen.